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Leben am Mittelmeer: Am Strand die Nackte, auf See die Not

 

Von Julia Stanek

 

Ein Grieche feiert Hochzeit auf seiner Tankstelle, in Saint-Tropez lässt eine Touristin die Hüllen fallen und kauft von Senegalesen Schmuck. Der Fotograf Nick Hannes reiste vier Jahre lang ums Mittelmeer - und machte Bilder, die kein Tourist sehen will.

 

Der benzinbesprenkelte Asphalt diente als Tanzfläche, die Neonleuchten unterm Tankstellendach ließen das weiße Brautkleid seidig schimmern. Die Stimmung war großartig, die Hochzeitsgesellschaft betrunken. Gäste stiegen auf Zapfsäulen, sie tanzten Sirtaki und tranken Wein an Plastiktischen mit weißen Tischdecken.

 

Eine Hochzeit in der Hafenstadt Patras, Griechenland, Oktober 2012. Der belgische Fotograf Nick Hannes arbeitete gerade an einem Buch über die Lebensrealitäten in den Landen rund ums Mittelmeer. Er war tagsüber an der Tankstelle vorbeigekommen, als Pächter Christos Karalis, 44, dort Tische deckte, wo sonst Autos halten. Der frisch vermählte Grieche erzählte dem Fremden, er würde hier am Abend seine Hochzeit feiern. Er müsse Geld sparen, also habe er Familie und Freunde hierhin geladen. Auf seine Tankstelle.

Auch Hannes durfte kommen. Das Foto, das er mitten in der Nacht machte, zeigt mit großer Symbolkraft die Folgen von Griechenlands Wirtschaftskrise: die Armut der Bevölkerung. "Es zeigt aber auch, wie kreativ die Menschen sind, um ohne Geld ihr Leben zu gestalten", sagt Hannes. Eine lange Schlange am Geldautomat oder ein Bettler auf der Straße sei nur eine Facette des Problems. Bilder davon sind ihm "zu stereotyp, zu klischeebeladen".

Blutige Schlachten, Tote im Meer

Als Hannes im Jahr 2010 sein vier Jahre dauerndes Fotoprojekt über das Mittelmeer begann, machte er sich auf die Suche nach subtileren Situationen. Er wollte sich an zeitgenössischen Themen wie Migration, Tourismus und Urbanisierung abarbeiten. Doch ihm war nicht klar, was sich ihm an erschütternden Motiven bieten würde.

"Zu Beginn meiner Reise durch 20 Länder gab es noch keine Anzeichen für den Arabischen Frühling", sagt Hannes, "die Krise in Griechenland war noch nicht ausgebrochen, die illegale Einwanderung in die EU verlagerte sich gerade von der Türkei und Griechenland nach Italien und Malta - und damit ins Zentrum Europas."

Rund um den Mittelmeerraum brachen in den folgenden Monaten Krisen und Katastrophen aus: Revolutionäre und Despoten lieferten sich blutige Schlachten in Tunesien, Ägypten und Libyen; Bürger in Südeuropa verarmten; afrikanische Flüchtlinge ertranken auf dem Weg nach Norden oder landeten auf der Pelagischen Insel Lampedusa, wo sie ein Leben in der Illegalität erwartete.

Hannes musste sich quasi nur an die Orte aus den 20-Uhr-Nachrichten begeben, um die Schrecken des Mittelmeers fotografisch zu erfassen. Es sei ihm dabei nicht wichtig gewesen, Einzelschicksale und persönliches Leid zu zeigen, sagt der 41-jährige Belgier. "Es ging um das Paradoxe in dieser Region, um die Parallelwelten, die sich hier auftun - und um die vielen Gesichter des Mittelmeeres."

"Bitte zeig das Bild Angela Merkel"

Schöne Strände gehörten für ihn nicht dazu. "25.000 von 46.000 Kilometern Mittelmeerküste sind urbanisiert", sagt Hannes. "Am schlimmsten ist es in Albanien, in der Türkei, in Teilen von Frankreich und in Spanien." Auf einer seiner mehrwöchigen Reisen fragte ihn seine Lebensgefährtin, die ihn zusammen mit den Zwillingstöchtern begleitete, wie oft er schon im Meer baden war. "Kein einziges Mal", sagte Hannes. Er fotografierte lieber betrunkene Touristen auf Schaumpartys in Marmaris, Prostituierte in Athen oder improvisierte Flüchtlingsfriedhöfe.

Seine Bilder liefern ein paar verstörende Einsichten in den Alltag am Mittelmeer, den sich viele Menschen so lieblich vorstellen. Hannes entzaubert die romantische Vorstellung, der warme Wind des Südens würde schon das nötige Glück zum Leben herüberpusten. Ein Blick auf seine Bilderserie reicht, und der Tourist, der gerade Sonnencreme und Badelatschen in den Koffer wirft, weil morgen der Flug nach Malaga, Alanya oder Palermo geht, hat noch etwas mehr im Gepäck.

Ein Hochzeitsfotograf ist Nick Hannes wahrlich nicht. Und doch ist es das Bild von einer griechischen Vermählungsfeier, das zu den eindrücklichsten in seiner Serie "Mediterranean. The Continuity of Man" zählt. Vor allem in diesen Tagen, nach dem Referendum in Griechenland, bei dem sich das Volk gegen die Reformpläne der Gläubiger ausgesprochen hat. In diesen Tagen, an denen so unklar ist, wie es weitergeht mit Griechenland.

Wann geht in Athen und auf den beliebten Urlauberinseln das Bargeld aus? Wird es an Medikamenten mangeln? Bleibt das massiv überschuldete Land Mitglied der Euro-Gruppe? "Solange wir den Euro haben, feiern wir Partys", hatte einer von Karalis' Gästen 2012 dem Fotografen gesagt. "Bitte zeig das Bild Angela Merkel." Ein Grieche würde auch dann noch lachen und feiern, wenn ihm das Geld weggenommen würde.

Das Foto von der Hochzeit auf der Tankstelle ist zwar fast drei Jahre alt. Doch der Trotz, der aus ihm spricht, scheint so aktuell, als hätte Nick Hannes am vergangenen Wochenende auf den Auslöser gedrückt.

Zurzeit sind Nick Hannes Fotografien aus der Serie "Mediterranean. The Continuity of Man" im Rahmen der Biennale of Contemporary Art in Thessaloniki zu sehen.

 

(Der Spiegel, july 2015)

 

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